Der Namensgeber unserer Schule

Walther Rathenau (1867-1922)

Walther Rathenau, der Namensgeber unserer Schule, wurde 1867 in Berlin, der Hauptstadt des damaligen Königreichs Preußen geboren. Als er 1922 einem Attentat rechtsradikaler Kräfte zum Opfer fiel, war Berlin die Hauptstadt der ersten deutschen Republik.


Rathenaus knapp 55 Lebensjahre verlaufen vor einem historischen Hintergrund, wie er in der Geschichte Deutschlands wohl einmalig ist: aus dem preußischen König wurde 1871 der deutsche Kaiser; aus zersplitterten Einzelstaaten, aus rückständiger Provinzialität entstand unter Wilhelm II. ein Großreich, das vermessen den „Platz an der Sonne“ beanspruchte; aus Bismarcks Politik des internationalen Gleichgewichts entwickelte sich eine Hochrüstungspolitik, die schließlich den ersten Weltkrieg heraufbeschwor. Damit nicht genug: nach dem Waffenstillstand 1918 bricht in Deutschland eine Revolution aus, in der extreme und gemäßigte Kräfte um die Alternative Räterepublik oder eine Nationalversammlung blutig kämpften. Die errungene Demokratie, die Weimarer Republik, konnte sich von ihren Geburtsfehlern nie ganz befreien und wurde nach nur 14 Jahren von der beispiellosen Diktatur des Nationalsozialismus beendet.

 

Dieses halbe Jahrhundert wechselnder politischer Extremzustände, gesellschaftlicher Spannungen und Gärungen spiegelt sich wieder im facettenreichen und von Gegensätzen geprägten Leben des Industriellen, Schriftstellers, Politikers und Wissenschaftlers Walther Rathenau. Sucht man nach einer Formel für dieses Leben, könnte diese vielleicht „Widersprüche als System“ lauten.

Bereits die Herkunft, Kindheit, und noch mehr Jugend und Studienjahre Rathenaus zeigen eine Persönlichkeit von grandioser Produktivität, gleichwohl aber auch ein Profil extremer Schwankungen und Ungereimtheiten.

Walther RathenauGeboren wurde Walther Rathenau als ältester Sohn des jüdisch-deutschen Industriellen und späteren Gründers der AEG, Emil Rathenau. Diese Herkunft markiert das existentielle Dilemma Rathenaus, der von nun an, bis zu seinem gewaltsamen Tod, stets und gleichzeitig unvereinbaren Welten angehört. Zunächst der einer diskriminierten Minderheit, den Juden, und einer hofierten Elite, dem industriell führenden Besitzbürgertum des Kaiserreichs.

Sodann dem Bereich der Kunst, der Philosophie und des Schreibens einerseits sowie der vom Vater gewünschten und schließlich auch durchgesetzten Gegenwelt von Naturwissenschaften und Industrie andererseits. Dem Leben als homosexueller Außenseiter und dem ins Auge gefassten Lebensentwurf des Berufsoffiziers in der soldatisch-rabiaten Männerwelt des Kaiserreichs. Und schließlich des pazifistischen Kriegswarners, der gleichwohl während des ersten Weltkriegs als Organisator und Profiteur der militärischen Aufrüstung auch vor der Deportation belgischer Zivilisten in deutsche Arbeitslager nicht zurückschreckte. Diese „Widersprüche als System“ machen Rathenaus Größe, seine Abgründe, aber auch seine Tragik aus.

 

Zur Chronologie der Lebensgeschichte des Namensgebers unserer Schule: Nach dem Studium der Physik, Chemie, Philosophie und des Maschinenbaus in Straßburg, Berlin und München übernahm Rathenau auf Wunsch des Vaters von 1893-1898 den Aufbau der von der AEG gegründeten Elektrochemischen Werke in Bitterfeld und in Rheinfelden. Danach kehrte er als Vorstand und später als Aufsichtsratsvorsitzender und Präsident in den Mutterkonzern AEG zurück.


Der 1. Weltkrieg, diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, von Rathenau anfänglich als törichter Irrweg bezeichnet, sieht den Industriellen gleichwohl als politisch und wirtschaftlich aktiven Mitorganisator. Durch die Leitung des von ihm initiierten „Rohmaterialamtes“ wirkte Rathenau an logistisch entscheidender Stelle dabei mit, die deutsche Wirtschaft auf Kriegsproduktion umzustellen. Als Deutschlands Niederlage 1917 abzusehen war, gelang es Rathenau, die Vorzeichen umzukehren und die Weichen von Rüstungs- wieder auf künftige Friedensproduktion auszurichten.


Parallel zu seiner politischen und ökonomischen Tätigkeit trat Rathenau zudem als äußerst produktiver Schriftsteller hervor, der sich neben wirtschaftlichen vor allem mit sozialen und politisch-weltanschaulichen Fragestellungen beschäftigte. In seinem bekanntesten, 1917 erschienen Buch „Von den kommenden Dingen“ erweist sich Rathenau als überaus weitsichtiger Denker, dessen Befunde überraschend aktuell anmuten. Der Autor kritisiert den Raubbau an Ressourcen, den das ausschließlich gewinnorientierte Wirtschaftssystem zu verantworten habe, wie auch den schwindenden Einfluss des Staates auf das sich unkontrolliert ausbreitende Kapital.


Der Erfolg dieses Buchs, Rathenaus kultiviertes Verhandlungsgeschick und sein internationales Renommee als Verständigungspolitiker waren wichtige Gründe, ihn 1921 zum Wiederaufbauminister und ein Jahr später zum Außenminister der neuen Republik zu ernennen. Als solcher vertrat er Deutschland im gleichen Jahr bei der Weltwirtschaftskonferenz in Genua, deren Ergebnisse belanglos anmuten, verglichen mit der Parallelaktion, die der deutsche Außenminister im Nachbarort Rapallo einfädelte. Hier schloss Rathenau mit Sowjetrussland einen bilateralen Sondervertrag, der die beiden europäischen Nachkriegsaußenseiter Deutschland und die UdSSR näher brachte und ein brisantes Gegengewicht zu den Siegermächten des Weltkriegs herstellte.


Obwohl dieser Vertrag in Deutschland als Erfolg und als erster Schritt einer sich vom Versailler Vertrag befreienden deutschen Außenpolitik interpretiert wurde, blieb Rathenau das Ziel rechtsradikaler Anfeindungen.

Drei Monate nach Rapallo, am 24. Juni 1922, wurde Rathenau im offenen Fond seines Wagens von Angehörigen der rechtsextremen Organisation „Consul“ durch eine Handgranate und Schüsse aus einer Maschinenpistole ermordet.

Die landesweite und internationale Empörung über diesen Anschlag gipfelte in dem berühmt gewordenen Satz von Reichskanzler Joseph Wirth (ein gebürtiger Freiburger) über das Attentat: „Der Feind steht rechts“. Doch auch nach seinem gewaltsamen Tod blieb der Name Rathenau ein Synonym für Widersprüchlichkeit: im Juli wurde als Reaktion auf die Ermordung des Außenministers das „Republikschutzgesetz“ erlassen, das die Demokratie gegen rechte Kräfte sichern sollte. Angewandt wurde es im Folgenden jedoch nahezu ausschließlich gegen liberale, linke oder sozialistische Verdächtige.


Erst nach dem Tod des politischen Vermittlers und Visionärs Rathenau wird deutlich, was die junge deutsche Republik an ihm verloren hatte. So schrieb Albert Einstein: „ Er wird nicht nur als der große Versteher und Lenker der deutschen Geschichte verzeichnet bleiben, sondern auch als eine von den großen jüdischen Gestalten, die sich dem ethischen Ideal der Menschenversöhnung unter Aufopferung ihres Lebens hingegeben haben.“


Und der große deutsche Publizist Sebastian Haffner bemerkt: „Er gehört ohne jeden Zweifel zu den fünf, sechs großen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Er war ein aristokratischer Revolutionär, ein idealistischer Wirtschaftsorganisator, als Jude deutscher Patriot, als deutscher Patriot liberaler Weltbürger, und als liberaler Weltbürger wiederum ein Chiliast und strenger Diener des Gesetzes“.


In herausragender Weise hat der Namenspatron unserer Schule versucht, beide substantiellen Anteile unserer Kultur, den technisch-naturwissenschaftlich und den ästhetisch-deutenden, zu verbinden. Sein Brückenschlag zeichnete sich aus durch kompromissloses, oft widersprüchliches Handeln und gleichzeitig durch skrupulöse und kritische Selbstreflexion.

Mit dieser Haltung hat Walther Rathenau vielleicht ein kürzestmögliches Leitbild für unsere Schule vorgegeben.

 

Gerhard Meisel