IT-Klassenzimmer für eine afghanische Schule

Anschluss an das Medienzeitalter auch für Dorfkinder in Afghanistan  – ein bescheidener Versuch

 

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Die Deutsch-Afghanische Initiative, eine kleine Hilfsorganisation aus Freiburg, und die Walther-Rathenau-Gewerbeschule unterstützen die Entwicklung eines IT-Klassenzimmers in einer von der DAI mitgebauten Schule in Laghmani (ca. 50 km nördlich von Kabul). Das Ziel des Projektes ist es, möglichst vielen Kindern aus armen Familien eine Grundausbildung am PC zu ermöglichen, um ihnen dadurch bessere berufliche Perspektiven zu ermöglichen. Um das Projekt endgültig zu planen und durchführen zu können, reiste Herr Nazar - Lehrer an der Walther-Rathenau-Gewerbeschule - in den Pfingstferien 2010  selbst nach Afghanistan.

 

Afghanistan ist auch ca. 10 Jahre nach dem Ende des Taliban-Regimes ein sehr armes und von den Folgen des Kriegs gebeuteltes Land. Die internationalen Hilfen versickern leider nur allzu oft in den Händen von einigen wenigen Einflussreichen. Korruption und Bestechung blühen nach wie vor im Land. Am meisten unter dieser Situation leiden natürlich die Ärmsten der Armen, zu denen bedauerlicherweise der Großteil der Bevölkerung gehört. Besonders hervorzuheben aus dieser Gruppe sind aber die Frauen und Kinder, die leider die schwächsten Glieder der gesellschaftlichen Kette sind. Gerade verwitwete Frauen und Waisenkinder haben kaum eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt würdevoll zu verdienen.

Die Deutsch-Afghanische Initiative e.V. (DAI) wurde von Deutschen und Afghanen überwiegend aus dem Freiburger Raum 2001 aus dem damals gegebenen Anlass ins Leben gerufen. Das Ziel dieser Organisation ist es seitdem, neben einer möglichst effektiven Mithilfe beim friedlichen Wiederaufbau gerade die eben erwähnten Bevölkerungsgruppen verstärkt dabei zu unterstützen, eine bessere Zukunftsperspektive- vor allem in Form von Bildungschancen - zu haben. Zu diesem Zwecke betreut die DAI neben Frauen- und Schulprojekten auch Kinderpatenschaften, Projekte zur medizinischen Hilfe und Dorfentwicklung und leistet - wenn nötig – auch Nothilfen.


Im Rahmen der oben erwähnten, bildungsfördernden Projekte ist im Verlauf der letzten zwei Jahre ein neues und bisher einzigartiges Projekt hinzugekommen, nämlich ein IT-Klassenzimmer in einer von der DAI selbst gebauten Schule zu errichten. Viele Menschen, denen es oft am Nötigsten mangelt, haben natürlich noch nie einen Computer gesehen, geschweige denn mit einem gearbeitet. Hinzuzufügen ist aber, dass in vielen Städten Afghanistans Computer bereits selbstverständlich geworden sind. Woran es allerdings oft mangelt, sind Fachkräfte. Es werden zwar privat zahlreiche Computer-Kurse angeboten, doch sind diese sehr teuer und finden fast ausschließlich in den Großstädten wie Kabul statt. Arme und Dorfkinder haben so kaum eine Chance, Zugang zu solchen zukunftsweisenden Medien zu bekommen.

Die Idee, eine Dorfschule mit PCs auszustatten, kam während meines Berufschulpraktikums bei der Deutschen Telekom im Jahre 2008 zustande. Damals war ich Referendar an der Walther-Rathenau-Gewerbeschule und musste am Ende des ersten Jahres ein vierwöchiges Berufspraktikum absolvieren. Weil die Telekom viele ältere PCs besaß und auch bereit war, uns diese zur Verfügung zu stellen, kam uns die Idee, diese mit einem leistungsstarken Server zu verbinden und so ein Klassenzimmer auszustatten. Die Wahl der Schule fiel dabei auf die Laghmani-Schule. Die DAI hat diese Schule, die während des Krieges total zerstört war, zusammen mit der Caritas International, der französischen Hilfsorganisation Geres, der Patenschule Angell und vielen SpenderInnen 2004 wieder aufgebaut. Mittlerweile absolvieren jedes Jahr mehr als 100 SchülerInnen aus den umliegenden Dörfern die zwölfte Klasse und qualifizieren sich so für ein Studium. Im letzten Schuljahr hatte die Schule die besten Abschlüsse aus der gesamten Provinz Parwan zu verzeichnen.



altEin Hauptproblem bestand und besteht zum Teil auch heute noch in der Stromversorgung dieser Schule. Da der Ort Laghmani - wie viele andere Orte in Afghanistan - keine oder eine nur sehr magelhafte Stromversogung hat, kam uns die Idee, die PCs der Schule mit Solarstrom zu betreiben. Da aber gerade ältere Computer sehr viel Strom verbrauchen und die DAI nicht das finanzielle Budget aufbringen kann, teurere Mehrtausend-Watt-Anlagen auf Dauer zu finanzieren sowie die langfristigen Kosten des gesamten IT-Projektes zu tragen, kamen wir zu dem Entschluss, dass eine Laptop-Lösung im Vergleich zu großen PCs die wesentlich günstigere Variante ist. Dennoch waren die langfristigen Kosten das Haupthindernis, das dem Start des Projekts im Wege stand. Doch das Blatt scheint sich langsam zum Guten zu wenden: Dank der neuen Stromleitungen aus Usbekistan hat Kabul seit Mai 2009 rund um die Uhr Strom. Die Leitungen führen auf ihrem Weg nach Kabul unmittelbar an der Laghmani-Schule vorbei und es besteht die Hoffnung, dass auch die Schule bald von dem neuen Strom profitieren kann.

Um diese Möglichkeiten zu prüfen und um mir überhaupt einen persönlichen Eindruck vor Ort zu verschaffen, bin ich in den Pfingsferien dieses Jahres nach Afghanistan gereist.
Obwohl uns die Mitarbeiter der DAI vor Ort bereits im Vorfeld von der Begeisterung der Schüler und Lehrer berichtet hatten, hätte ich so viel Zustimmung und Vorfreude für dieses Projekt nicht erwartet.
Die Schüler sehen in dem geplanten Vorhaben tatsächlich eine Chance, endlich die Grundlagen des Mediums zu erlernen, das viele von ihnen bisher nur vom Hörensagen kennen. Computerkenntnisse ermöglichen ihnen tatsächlich neue, bisher nicht gekannte Möglichkeiten. In Afghanistan fehlen - wie oben bereits erwähnt - nicht nur IT-Fachkräfte, sondern auch solche, die sich mit einfachen Standardanwendungen wie beispielsweise Office auskennen. In vielen Büros, so auch im Büro des Regierungspräsidenten vom Bezirk Parwan, dem auch der Ort Laghmani angehört, stehen Computer meistens als Dekorationsmittel auf den Schreibtischen. Die Vorteile der elektronischen Datenverarbeitung können sich viele Arbeitnehmer zwar vorstellen, doch fehlen den meisten von ihnen leider die dazu notwendigen Kenntnisse. Dieser Umstand wäre aber auch die Chance für die armen Dorfkinder, sich für Arbeitsplätze zu bewerben, für die sie wenig Mitkonkurrenten zu befürchten hätten. Gerade vielen Schülern, die nach der zehnten Klasse mit einem mittleren Bildungsabschlusses die Schule verlassen, würden IT-Kenntnisse völlig neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt bieten.

altDer erste Tag meines Besuches in der Laghamni-Schule fiel zufälligerweise auf den „Lehrer-Tag“. In Afghanistan wird traditionell der Beruf des Lehrers in der Bevölkerung sehr geschätzt, so dass ein Tag im Jahr extra dafür gewidmet wird, den Lehrern Respekt zu zollen. In den Schulen werden an diesem Tag die Lehrer von ihren Schülern und deren Eltern gefeiert. Die Lehrer werden dabei mit Geschenken überhäuft, es gibt leckeres Festessen und es wird traditionell getanzt. Als die Schüler mitbekamen, dass auch ich ein Lehrer bin, bekam ich spontan zwei Blumensträuße geschenkt. Ich musste aber feststellen, dass trotz dieser hohen Wertschätzung der Bevölkerung, die dieser wichtige Beruf erfährt, die Lehrer dennoch zu den Niedrigverdienern der Gesellschaft gehören und  daher neben ihrem Hauptberuf oft einer weiteren Tätigkeit nachgehen müssen, um sich so den Lebensunterhalt zu sichern. Da die DAI plant, den IT-Lehrern einen Extralohn zu bezahlen, hatten natürlich auch viele der Lehrer in Laghmani großes Interesse daran, an dem IT-Projekt ihrer Schule teilzunehmen. So stieß unser Projekt also sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern auf große Begeisterung.

Doch vor dem eigentlichen Start des Projekts muss die Stromversorgung der Schule geklärt werden. Die Stromleitungen aus Usbekistan führen zwar an der Schule vorbei, doch erst bei Kabul werden die Hochspannungen heruntertransformiert. Eine neue Leitung mit Niedrigspannungsstrom führt dann wieder von Kabul in den Norden, um die dortigen Dörfer mit Strom zu versorgen. So ist eine Versorgung der Dörfer um Laghmani herum in naher Zukunft fest eingeplant. Dies versicherten mir neben dem Schulleiter auch der Regierungspräsident und der stellvertretende Landrat der Provinz Parwan. Sie sprachen von einem Zeitraum von etwa zwei Monaten.

altDie Laghmani-Schule ist unterteilt in eine Mädchen- und in eine Jungenschule. Da wir vorhaben, sowohl Jungen als auch Mädchen auszubilden, benötigen wir für das Projekt neben IT-Lehrern also auch IT-Lehrerinnen. Wie bereits erwähnt, {mosimage}war die Zahl der Bewerber und Bewerberinnen groß. Um die Besten unter ihnen auszuwählen, prüfte ich die Kenntnisse der Lehrerinnen und Lehrer in einem Computer-Kurs in Charikar, der nächstgrößeren Stadt bei Laghmani. Es stellte sich erwartungsgemäß heraus, dass auch viele von den Lehrerinnen und Lehrern große Defizite im Umgang mit PCs haben. Die vier besten Lehrerinnen und Lehrer bekommen jetzt von der DAI für sechs Monate einen Computer-Kurs in Charikar finanziert. Wir hoffen, dass innerhalb dieses Zeitraums auch die Stromversorgung der Schule gesichert wird, so dass anschließend die IT-Räume eingerichtet werden können. Dazu werden zunächst zwei Räume mit jeweils etwa 10 PCs ausgestattet. Die weitere Unterstützung wird dann vom Erfolg und der Entwicklung vor Ort, aber auch von den finanziellen Möglichkeiten der DAI abhängen.

Die Kolleginnen und Kollegen der Walther-Rathenau-Gewerbeschule unterstützen das Projekt seit zwei Jahren, indem sie an den Weihnachtsfeiern 2008 und 2009 großzügige Spenden für das Projekt aufbrachten. An dieser Stelle sei ihnen noch einmal ganz herzlich dafür gedankt. Damit das Projekt aber auch langfristig von Erfolg gekrönt sein kann, sind weitere finanzielle Unterstützungen unumgänglich, so dass die DAI auch weiterhin auf Spenden angewiesen ist. Helfen Sie also bitte weiter mit, die Kinder von Laghmani an den PC zu bringen und ihnen dadurch später auch bessere berufliche Möglichkeiten zu bieten! Herzlichen Dank!

Deutsch-Afghanische Initiative e.V.
Kontonummer 16 658 405
Volksbank Freiburg, BLZ 680 900 00
Stichwort: „IT-Projekt“

Von Ahmad Nessar Nazar,
Lehrer für Informatik und Mathematik an der Walther-Rathenau-Gewerbeschule und Beisitzer im Vorstand der DAI (Deutsch-Afghanische Initiative e.V).

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Deutsch-Afghanische Initiative e.V